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Mittwoch 26.11.08
Geschichtenbasiertes E-Learning

Vortrag von Prof. Dr. Frank Thissen, Hochschule der Medien Stuttgart
im Rahmen der Veranstaltungsreihe des AK Interaktive Systeme Stuttgart

Geschichtenbasiertes E-Learning
 

Prof. Dr. Frank Thissen


Seit frühester Kindheit hören und erzählen wir Geschichten, kleine und große, dramatische und alltägliche, interessante und langweilige. Wir nutzen diese Geschichten nicht nur, um anderen Menschen Erlebtes mitzuteilen, sondern auch, um das Erlebte für uns zu interpretieren und verständlich zu machen. Geschichten stiften Sinn – der Sinn, den wir brauchen, um uns in dieser Welt zurechtzufinden. Geschichten schaffen auch Bedeutung und auf diese Weise bilden wir uns unsere Lebensgeschichte, über unsere Person, über unsere Lebensverhältnisse, unseren Beruf, die Kollegen, Nachbarn, und Freunde. Und dann folgen wir dieser Lebensgeschichte und lassen sie zur Realität werden. Erlebtes wird so interpretiert und die Interpretation beeinflusst unser Erleben. Und so werden wir zum Helden, der den Drachen besiegt, die Prinzessin errettet und den Goldschatz birgt. Dabei umgeben uns Verbündete, Widersacher, Türhüter, Magier, Geheimnisträger, Clowns und Weise.

Manchmal küssen wir auch Frösche oder finden uns in der Rolle des Dornröschen wieder, das auf seine Erlösung wartet. Oder wir sind im tiefsten Kerker eingesperrt und kommen nicht heraus. Und so, wie wir uns über Geschichten definiert haben, können wir diese Geschichten gezielt verändern und damit unsere Selbstwahrnehmung, unsere Lebenssituation und die Menschen um uns verändern. Denn der »Glückspilz« handelt anders als der »Pechvogel«.

Auch in Seminaren und im e-learning lassen sich Geschichten effektiv einsetzen. Sie wecken Emotionen, haben ein großes Erinnerungspotential und können Teilnehmer in ihren Bann ziehen. Gute Geschichten machen neugierig, fesseln und schaffen eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten. So lassen sich Teilnehmer in Geschichten integrieren und darin eine Rolle einnehmen, um sich auf diese Weise mit Haltungen, Handlungsweisen und Einstellungen auseinanderzusetzen. Aber was braucht man für eine gute Geschichte? Muss man nicht ein Max Frisch, Steven King oder Ken Follet sein, um sie zu erfinden? Nein, denn wir wissen alle instinktiv, was eine gute Geschichte ausmacht und die Wissenschaft bestätigt uns darin, denn alle Geschichten haben eine bestimmte Struktur, bestimmte Orte und typische Figuren, die für bestimmte Prinzipien stehen. Diese Strukturen können wir gut nutzen, um eine geeignete Geschichte zu konstruieren. Im Mittelpunkt jeder Geschichte steht der Held, also eine Hauptfigur, die in ein Abenteuer gerät. Dieses Abenteuer kann die Suche nach einem Schatz sein, eine Bedrohung durch einen Gegner oder irgendeine andere Herausforderung, die ihn dazu zwingt, zu handeln. Helden werden durch Konflikte bestimmt und dadurch kommt Dynamik in die Geschichte, denn eine Geschichte ohne jede Spannung ist langweilig und uninteressant. Definieren Sie also zunächst Ihren Helden. Für welche Idee, Haltung oder welches Prinzip steht er oder sie? Und welches »Problem« hat er? Was fordert ihn heraus? Eine Aufgabe, eine Bedrohung, eine Person, ein Erlebnis? Auf dieser Basis lässt sich nun eine Geschichte konstruieren, die – grob gesagt – darin besteht, dass der Held seinen Konflikt löst und am Ende den Schatz, die Prinzessin oder den Sieg über den bösen Feind erzielt oder aber auch reifer und klüger geworden ist.

Zum Handeln braucht der Held Figuren, mit denen er sich auseinandersetzt, die ihn unterstützen, fördern, ihm Tipps geben oder ihn bekämpfen und den Weg versperren. Diese Figuren stehen immer für Prinzipien und genau deshalb sind sie für uns so interessant. Denn es sind nicht einfach Personen, um die es geht, sondern stets Prinzipien und Werte, die miteinander ringen und genau deshalb beschäftigen wir uns mit Geschichten.

Wenn wir dann noch diese Geschichten auf die Seminarteilnehmer, eine spezifische Problematik oder auch ein Thema beziehen, dann lassen sich mit Hilfe der Geschichten Zusammenhänge aufzeigen, Lerninhalte integrieren oder auch Fragestellungen und deren Lösungen erarbeiten. Der Vortrag führt anhand von Beispielen in das geschichtenbasierte e-learning ein.

Weitere Infos unter www.storydesign.de

Prof. Dr. Frank Thissen beschäftigt sich seit Mitte der 80er Jahre mit den Möglichkeiten des computerunterstützten Lernens. Nach Tätigkeiten an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der VHS Düsseldorf und in der Industrie (Siemens AG, SAP AG) unterrichtet er seit 1997 an der Hochschule der Medien Stuttgart die Fächer Multimedia-Didaktik, Informationsdesign und Interkulturelle Kommunikation. 2001 wurde der von ihm konzipierte Studiengang Informationsdesign als völlig neuer interdisziplinärer Studiengang gegründet.

Schwerpunkte seiner Forschungsaktivitäten sind neue Methoden des E-Learnings, die Rolle der Emotionen beim Lernen und die Bedeutung von kulturellen Einflüssen auf Lernprozesse und das Informationsdesign. Als promovierter Literaturwissenschaftler ist er besonders an der Anwendung von Erzählweisen und Dramaturgie auf das Lernen interessiert.


Im Anschluss findet der Stammtisch mit der Usablity Professionals Association (UPA) statt.

Eingeladen und willkommen sind alle Interessierten, wobei um vorherige Anmeldung bei Astrid Beck gebeten wird. 

Datum
Mittwoch, 26.11.2008 um 18:30 Uhr  !! neuer Termin !!

Ort
Fachhochschule Stuttgart - Hochschule für Technik
Bau 1, Raum 1/111, Erster Stock
Schellingstr.24
70174 Stuttgart
Lageplan

Kontaktperson
Astrid Beck, GUI Design, Stuttgart

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